Start

Märkte

Über uns

Mitteilungen

Links

Kontakt

 

 

Lab und Käse

 


Bild1

Das Stadt-und-Land-Blatt

der Demeter-Assoziation Freiburg e.V.

2. Ausgabe 2005

 


Liebe Mitglieder und Freunde der demeter- Assoziation Freiburg

Seit vor einem halben Jahr die erste Ausgabe des Assoziations- „Blattes“ herauskam, ist viel auf den Höfen geschehen. Deshalb diesmal eine ganze Seite „Berichte von den Höfen“. Außerdem lesen Sie Gedanken von Christian Hiß zu Vergangenheit und Zukunft der Landwirtschaftskultur. In der Reihe  über Pflanzenzüchtung können Sie diesmal eine kleine Einführungslektion über Züchtungsmethoden lesen.
 Dem letzten „Blatt“ war eine Umfrage angeschlossen, in der sich die Leser und Mitglieder zum Zustand der Märkte der Demeter-Assoziation äußern konnten. Trotz oder wegen der sehr schwachen Resonanz habe ich das Ergebnis zusammengefasst, und werde die Zusammenfassung auf einem gesonderten Blatt für Interessenten auslegen. Hinter uns liegt der Herbst, mit Gemüse- und Obsternte, mit den letzten satten Weidegängen für das Vieh, mit Erntedank und mit dem Michaelifest, vor uns der dunkle November und ein hoffentlich stiller und lichtvoller Advent. 
Eine gute Zeit Ihnen allen wünscht
Annette Tillmanns

Die Märkte der Demeter-
Assoziation Freiburg:

Wiehre, Schwimmbadstr. 29

Dienstag:          16:00 – 18:00
Samstag:           8:00  - 12:00

St. Georgen, Bergiselstr. 11

Mittwoch:          16:30 - 8:30
Samstag:           9:00   - 12:00

Die Treffen des Assoziationsrates:
Jeden zweiten Dienstag (Mittwoch) im Monat; Gäste sind nach Voranmeldung willkommen.
Postanschrift der Demeter-
Assoziation:
Fichtestraße 39 / 79115 Freiburg
Tel./Fax: 0761-46 305
eMail: w_freiburger@gmx.de
Internetseite:
www.demetermarkt.de


FREIHEIT UND LANDWIRTSCHAFT – Wie kann das gehen?

Ein Plädoyer für die vierte Form der Agrarkultur

Von Christian Hiß


Die alte und überlieferte Form der Landwirtschaft, ich nenne sie die erste Form, war festgelegt. Ich rieche und fühle sie noch heute. Als ich 1961 zur Welt kam, gab es noch 1100 Milchkühe bei uns im Dorf mit einem Durchschnittsbestand von 3- 4 Kühen pro Stall. Heute gibt es so gut wie keine mehr. Wir sind die Einzigen, die sowohl noch, als auch wieder Vieh haben. In dieser Wirtschaftsform waren die Arbeitsabläufe genau festgelegt. Der Jahreslauf war bestimmt durch die Tätigkeiten, die von allen im Dorf, oder auf den Dörfern, im Gleichschritt und der gleichen Weise ausgeführt wurden. Alle hatten Vieh, alle hatten Getreide, alle hatten Wein, alle hatten Obst, alle backten ihr Brot aus dem eigenen Getreide, alle gingen zum gleichen Zeitpunkt zum Heuen, alle schritten zeitgleich zur Weinlese usw., usw.. Die Hierarchie im Dorf war ebenfalls festgelegt. Es waren zwei oder drei Persönlichkeiten im Dorf, die Führungsautorität besaßen und auf die geschaut wurde. Schritten sie zur Tat, dann war die Saison eröffnet, nie davor. Keiner im Dorf wagte es, die überlieferten Rituale zu brechen. Das bestimmende Motiv dieser Lebensform war, das Überleben zu sichern, Hunger und Elend abzuwenden und im besten Fall zu Wohlstand zu gelangen.
Alle Überlegungen und  Ausführungen galten der Herausforderung, aus den vorhandenen Mitteln das Beste herauszuholen. Dabei waren die Mittel, die „Ressourcen“ würde man heute sagen, im System selbst vorhanden. Kapital, Energie, Saatgut, Boden und Arbeitskraft entstammten dem jeweiligen Ort. In der Tüchtigkeit der Familienangehörigen und in den Bedingungen der Gegend lag die Möglichkeit, es zu Wohlstand zu bringen. Jeder hatte seine Rolle, keiner konnte unbemerkt ausscheren. Hat es doch jemand gewagt, wurde er genau beobachtet und reflektiert. Der technische Fortschritt von der Sichel zur Sense
bei der Getreideernte hat unter meinen Vorfahren zu ernsten Zerwürfnissen innerhalb der Familie geführt.
Die Natur war nur Mittel. Sie wurde durch das Okular der Nützlichkeit, des Nutzenbringens betrachtet. Man sah genau, wo der Boden gut oder schlecht war, man sah ob das Getreide gut stand oder schlecht, der Behang an den Reben einen guten Wein versprach oder ob das Vieh gesund war oder darb. Dieser Blick war überlebenswichtig, denn ein guter Ertrag sicherte die Existenz über einen Winter bis ins nächste Jahr.
Aber es waren Ausnahmen, wenn jemand mal eine Vogel oder eine Pflanze beim Namen kannte, die nicht landwirtschaftliche Geltung hatten. Man hatte keinen Abstand zur Natur, sondern lebte in ihr und von ihr, und litt unter ihr. Der Alltag war Kampf gegen die bedrohlichen elementaren Kräfte der Natur. Das muss man verstehen, wenn man die auch heute noch überwiegend ablehnende Haltung der Landwirte gegen den Natur- und Umweltschutz begreifen will. Landwirtschaft war immer die Bemühung, durch Kulturmaßnahmen der Natur etwas abzuringen.

Mit dem Einzug der Mineraldüngung und der Sekundärenergie am Anfang des letzten Jahrhunderts bekamen die Bauern neue Mittel an die Hand. Die Gesetzmäßigkeiten des naturimmanenten ewigen Aufbaus und Abbaus aus sich heraus wurden gesprengt. Die bis dahin gültigen Maßregeln verloren ihre Geltung. Die Erfindungen des Kunstdüngers und des Verbrennungsmotors bereiteten der industrialisierten Landwirtschaft den Weg. Die dem System immanenten Begrenzungen fielen. Die effizienten kleinbäuerlichen Strukturen wurden ausgelöscht. Größere, und vor allem spezialisierte Betriebe wurden geschaffen. Die zweite Form war entstanden.
Was bis heute gleich blieb, war das Arbeitsmotiv, durch Tüchtigkeit im Kampf gegen die Natur den Wohlstand zu sichern. Die Mittel schienen jetzt unbegrenzt verfügbar. Die Banken spuckten Kapital, die Industrie synthetisierte den Stickstoff, die Experten züchteten das Saatgut, die Traktoren und Maschinen wurden größer und schlagkräftiger. Die chemischen Spritzmittel halfen, die elementaren Kräfte der Natur in Schach zu halten. Die „grüne Revolution“ gab den Menschen Mittel an die Hand, mit denen sie mit den alten Motiven weiterarbeiten konnten, aber wesentlich effektiver wurden. Die Industrie stürzte sich auf die Ressourcen, um an der Zulieferung Geld zu verdienen. Dies hat heute so weit geführt, dass die Insel Trinidad in der Karibik der Welt größter Exporteur on Stickstoffdünger ist, das es in Deutschland keinen Gemüsezüchter mehr gibt, und das Saatgut für Gemüse aus China, Südamerika und Australien kommt. Ebenso ist die landwirtschaftliche Produktion vollständig vom Erdöl abhängig und die Arbeitskräfte kommen aus östlichen Ländern zu uns.
Was bis heute dieser zweiten Form auch anhaften blieb, war die Hörigkeit gegenüber Wissensautoritäten. An die Stelle der Dorfautorität trat die Wissenschaft und die Industrie. Sie bestimmt heute mit ihren Erkenntnissen und Entwürfen, und auch mit ihrer Sprache die landwirtschaftliche Praxis. Im Jahr 2003 gab es eine Umfrage unter Bauern und Gärtnern, aus welcher Quelle sie ihr Praxiswissen bezögen. Etwa zehn Parameter standen zur Auswahl: die Fachzeitschriften wurden angeführt, neben der staatlichen Beratung, Internet usw.. In der Auswertung war zu sehen, dass nur 1 % der Kollegen angaben, aus der eigenen Beobachtung ihr Wissen zu beziehen.

In diese Entwicklung der Industrialisierung gab es in den siebziger Jahren einen Einschlag. Mit der Umweltbewegung bekam die Natur einen anderen Stellenwert, einen Eigenwert. Das Zusammenwirken der Lebewesen in sogenannten Ökosystemen wurde zunehmend erforscht  und begriffen, und im Gewebe der Gleichgewichtswirkungen schien der Mensch mit seinem groben Nützlichkeitsdenken der einzige Störenfried zu sein. Nicht mehr die Natur galt als Feind, sondern der Mensch galt plötzlich als Feind der Natur. Es stellten sich Menschen vor die Natur und verteidigten sie. Naturschutzgebiete entstanden, aus denen der Mensch ausgegrenzt wurde. Die Natur wurde dabei zu etwas Abstrakten stilisiert. Sinnbild für diese Abstraktion ist das Bild des blauen Planeten, aus dem Weltraum fotografiert. Es war die Zeit, in der  `Club of Rome´ „Global 2000“, und Herbert Gruhl, der Mitbegründer der Grünen, sein Buch „Ein Planet wird geplündert“ herausbrachte. Naturschutzgebiete werden seither konstruiert, Natur wird in einer Weise zur Konstruktion. Das sich die heutige, hiesige Landschaft und Natur unter dem Einfluss der Agrarkultur gebildet haben, ist nur Wenigen bewusst. Diese biologische Vielfalt in der Natur gäbe es nicht ohne die Jahrtausende währende Bewirtschaftung. Aber in der Zeit des entstehenden Schutzgedankens entstand auch der Ökolandbau, der aus Rücksicht auf die- und aus Freundschaft zur Natur einen völligen Verzicht auf synthetische Hilfsmittel in der Nahrungsmittelproduktion proklamierte und durchsetzte. Eine neue Form der Agrarkultur, die dritte, wie ich sie nennen würde, suchte und fand in diesen Zielen ihre Daseinsberechtigung.
Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die Fläche, auf der definiert ökologisch gewirtschaftet wird, vervielfacht, und der Ökolandbau wurde von Staatsseite anerkannt, gefördert und kontrolliert. Es werden Ökobilanzen und Energiebilanzen als Mittel zur wissenschaftlichen Beweisführung der Vorzüge des Ökolandbaus erstellt. Fraktionen für und gegen die Ansicht, dass ökologischer Landbau der zukunftsfähigere, weil nachhaltigere ist, entstehen. Ein Streit über den Gesundheitswert ökologischer Produkte entbrennt unter den Experten.
Bild2Die „Qualität“ wird als Merkmal in die Diskussion eingeführt und der Umweltschutz ins Grundgesetz aufgenommen.

Ausbeutung des Naturschutz- gedankens durch Technokraten
Diese im historischen Vergleich neuen Paradigmen der Agrarkultur haben aber einen gewaltigen Pferdefuß, denn es zeichnet sich ab, dass die Technologen die Umweltschutzargumente für ihre Ziele nutzen und es zu einer hochtechnologischen Auslegung von umweltfreundlicher Nahrungsmittelproduktion kommt. Diese tritt zunehmend in Konkurrenz zu der, die wir meinten, als wir vor dreißig Jahren die Forderung nach mehr Rücksicht gegenüber der Natur erhoben. Auf einer Reise nach Holland 1990 habe ich dies das erste Mal ernsthaft wahrgenommen. Die erdelose Anbauweise, die bereits damals zu 97 % praktiziert wurde, erhebt den Anspruch im Vergleich mit allen anderen, die umweltverträglichere zu sein. Diese Kulturmethode arbeitet im geschlossenen System, das heißt, der Boden ist versiegelt und die Pflanzen wurzeln in Nährlösung, deren Überschüsse wieder in den Kreislauf zurückfließen. Computergesteuerte Sensoren regeln die Wachstumsfaktoren mittels Programmen, die genau abgestimmt sind. Licht, Luft, Wasser und Nährstoffe werden der Pflanze in einer Genauigkeit zugeführt, die Handsteuerung bei weitem überragt. Die Erträge von Tomaten können dadurch bis zum Zehnfachen gegenüber unserem Anbau gesteigert werden. In diese Steigerung lässt sich aller Energieaufwand einrechnen, deshalb fallen die Energie- und Ökobilanzen auch zugunsten der Hochtechnologie aus. Dies ist nur ein Beispiel.
Ein weiteres, welches eine Entwicklung in diese Richtung belegt, ist die sogenannte Präzisionslandwirtschaft. Sie wird gegenwärtig praxisreif gemacht. Sie funktioniert meist satellitengestützt. Die Äcker sind mittels der GPS – Technik in virtuellen Schlagplänen aufgezeichnet worden und sind in einer Datenbank erfasst. Bevor Weizen ein gesät wird, werden Bodenproben entnommen, um festzustellen wie viel Nährstoffe noch im Boden sind. Die Ergebnisse werden in die Datenbank eingegeben; danach fährt der Bauer oder, besser gesagt, der Traktorist mit dem Düngerstreuer über das Feld. Auf dem Traktor befindet sich ein Computer, der über Satellit mit der Datenbank im heimischen Büro verbunden ist. Je nach Datenlage reagiert nun der Schieber am Düngerstreuer und lässt viel oder wenig Dünger hinten heraus. Bedarfsgerechte und umweltgerechte Düngung wird dies genannt. Ist der Weizen dann höher, wird eine Kopfdüngung ausgebracht. Auf dem Traktor befindet sich ein Infrarotmessgerät, das laufend den Chlorophyllgehalt des Weizenbestandes misst. Der Computer berechnet die Daten und lässt wiederum den Schieber am Düngerstreuer auf- oder zugehen.
Oder ein anderes Beispiel aus dem Kuhstall: In größeren Ställen werden seit einiger Zeit Melkroboter installiert. Dieser Melkroboter schließt das Melkzeug am Euter an, sobald die Kuh den Melkstand betritt. Die menschliche Hand ist nicht mehr beteiligt, es funktioniert alles mechanisch. Der Werbeslogan dazu lautet: Die Kuh wird gemolken, wenn das Euter drückt und nicht mehr erst, wenn der Bauer Zeit hat. Die artgerechte Haltung – die Kuh kann ihren Trieben folgen und nicht dem Menschen – ist die moralisch-ethische Rechtfertigung für den Melkroboter.
Dass die Einführung der Gentechnik mit der Bekämpfung des Welthungers und dem besseren Schutz der Umwelt gerechtfertigt wird, ist Ihnen ja sicher bekannt.
Es wird zusehends deutlicher, dass die Technokraten und Bürokraten die Definitionsmacht über die umweltbewusste Nahrungsmittelproduktion gewinnen. Sie zählen und messen und setzen die Hochtechnologie ein, um das Ziel einer umweltgerechten Landwirtschaft zu erreichen.
Schon 1998 bekamen die Tomatengärtner Niederrhein, ein Zusammenschluss von 13 Gärtnereien, die allesamt mit Mineralwolle und in Ganzjahreskultur arbeiten, den Umweltschutzpreis des Landes Nordrhein – Westfalen verliehen.
Man könnte eine endlose Reihe an Belegen aufführen, die zeigen, dass hier eine fatale Entwicklung im Gange ist und zwar die, dass zwei Laborsituationen entstehen: die eine erzeugt eine konstruierte Natur mit blühenden Landschaften, die von Landschaftspflegern nach den Gesetzen einer sich selbst überlassenen Natur gepflegt wird, und die andere erzeugt Nahrungsmittel aus der Retorte in besonders effizienter und schadstofffreier Weise. Die technischen Entwürfe, die existieren und in die Praxis eingeführt werden, sehen geschlossene Systeme vor, die ohne den Handgriff eines Menschen funktionieren und hochertragsreich die Bevölkerung versorgen. Die „grüne Fee“ in Schleswig-Holstein, ein 1 Hektar großes Gewächshaus, in dem am Fliessband in 24 Tagen Blattsalate fertig gedeihen, beliefert schon große Teile des Nordens das ganze Jahr über mit eben diesen Blattsalaten im Topf. Ziel dieser Technologie ist, einen Komplex zu erstellen, der in sich autark funktioniert. Mittels Recyclingwirtschaft und Solarstrom kann dies in allen Gebieten der Welt geschehen.
Warum macht die Natur dabei mit? Warum wachsen Tomaten ohne Erde so gut? Warum kann man Lebewesen durch Technik so stark beeinflussen?


Konsequenzen dieses Denkens und Handelns für eine zukünftige Gestaltung der Landwirtschaft


Dies waren Fragen für mich, die ich versucht habe, unter anderem in einem Forschungsprojekt in unserer Gärtnerei Ende der neunziger Jahre zu klären. Antrieb dazu war meine Überzeugung, dass wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen um die Argumente zu finden, die uns weiterführen. Auf die Ergebnisse möchte ich nicht weiter eingehen, sie sind nicht so wesentlich wie das, was durch die ernsthafte Beschäftigung mit den auftauchenden Fragen entsteht. Es sind Gewissheiten bei mir entstanden aber auch neue Fragen. Eine Gewissheit war dies- ich könnte es so formulieren: Natur gerettet, Menschen verloren.
Denn es ist absehbar, dass alles geregelt wird- im besten Sinne des Wortes. Es hat mich tief beeindruckt, als ich dann las, dass Rudolf Steiner in einem Wiener Pfingstvortrag sagte: „Das ist heute das, was in der geistigen Welt schwebt als überragender Entschluss: Das Bündnis zustande zu bringen zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturkräften“. Peter Selg führt dann in einem Buch „Krankheit und Christuserkenntnis“ an dieser Stelle für die Medizin weiter: „So entsteht – nicht zuletzt mit Hilfe der ahrimanisierten Wissenschaft – progressiv jene Welt, die keinen Raum für biographische Werdeprozesse mehr gibt, das Individuum negiert, die Individualität des Menschen auslöscht.“
Besser könnte ich das Resümee zu den ersten drei Formen der Agrarkultur nicht formulieren.
Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, auf eine weitere Form, die vierte, wie ich sie nennen würde, das Augenmerk zu legen, sie zu formulieren und zur Geltung zu bringen. Verehrte Zeitgenossen, sie können mir nun schnell zur Seite springen und anmerken: „Aber wir haben doch die vierte Form bereits, wir haben doch die biologisch- dynamische Wirtschaftsweise, wie sie im „Landwirtschaftlichen Kurs“ von Rudolf Steiner herausgearbeitet wurde“. Da haben Sie recht und dennoch muss ich Ihren Einwand vehement zurückweisen. Wir haben sie und wir haben sie nicht; das was in der Anthroposophie angelegt ist an schöpferischem Potential, ist in der real existierenden biologisch – dynamischen Landwirtschaft kaum verwirklicht.
Am allerbedenklichsten ist die Vereinheitlichung der Auslegung biologisch– dynamischer Kriterien und deren Kontrolle. Damit hat man eine Kategorie geschaffen, die außerhalb des Schöpferischen liegt. In der vierten Form der Landwirtschaft ist allein vom Menschen her zu argumentieren und dies nicht einmal im Allgemeinen, sondern im Individuellen. Wir haben hier auch nicht von „dem Ich“ also vom „Es“ zu reden, sondern vom Ich der ersten Person singular. Bezieht man die Unterscheidung auf die Existenz, so spricht man von „Sein“. Aber nicht vom „Es ist“, sondern vom „Ich bin“. Es sind die philosophischen und spirituellen Kategorien, die aufgerufen werden müssen, um eine sinnvolle Landwirtschaft für die Zukunft zu beschreiben und zu gestalten. Ein erweiterter Landwirtschaftsbegriff ist notwendig.
Wie sollte in einer reglementierten und zudem streng kontrollierten Landwirtschaft moralische Phantasie entstehen können? Wird der „ethische Individualismus“ für einen nach Rezepten und Vorschriften handelnden Menschen überhaupt je erreichbar werden? Wo und wie kann sein Gewissen geschärft werden? Wo sind die Gegenstände und Fragen, an denen er sich entwickeln darf? Wo kann er noch Fehler machen, sie einsehen lernen und ausgleichen? Wo tritt er in Verbindung mit Natur und Naturkräften, wenn Wärme, Licht und Wasser automatisch gegeben werden? Aus was soll sich die Natur in allen ihren Stufen ernähren können, wenn Maschinen alleine den Zugang haben?
Will man zum Gegenbild der entmenschlichten Landwirtschaft der Technokraten kommen, muss man eine ureigenst menschliche Tugend wachrufen, die moralische Phantasie. Dazu ist es notwendig, alles was mit der Tätigkeit des Landwirtes und Gärtners zusammen hängt, auf den Prüfstand zu stellen. Woher beziehe ich den Stickstoff? Woher das Saatgut? Wie ist es mit dem Energieeinsatz? Macht das Sinn, so wie ich das mache? Und wie soll es sein, wenn nicht so, wie es ist? Beantwortet man die Fragen gewissenhaft, so entsteht an der Rückseite der Tatsachen und der Kritik an ihnen das Bild des eigenen Entwurfes.
Aus diesem Entwurf entsteht dann die Kraft, die es möglich macht, doch noch in der Landwirtschaft tätig zu bleiben, anstatt sich dem Treck der Landflüchtigen anzuschließen. „Es lohnt sich“ bekommt dann eine Bedeutung über das ökonomische Motiv hinaus.e



Wie ein Demeter-Betrieb seinen Anfang nehmen kann.....

 

Von Annette Tillmanns


WEGWÜRZE sollte sie heißen, meine kleine Firma, die Küchenkräuter aller Art wachsen lassen und Menschen die Kunst des Würzens und Genießens nahe bringen will, soweit war das klar.
Bild3Ich stellte mir einen herrlichen blühenden Garten vor; Menschen, vielleicht aus der Stadt, die kommen, um beim Jäten, Bündeln, Säen der Kräuter wieder aufzuleben, von einer Hecke, Vogelgesang und Schmetterlingen umgeben. Bestände Samen-bildender Kräuter, einige mit vom Wind leicht bewegten Netzen isoliert, finden sich überall dazwischen. Am Rand, zwischen Grün und Blumen, eine kleine Hütte, wo man beieinandersitzend Samen verliest, Tee trinkt, miteinander schweigt oder sich vorsichtig austauscht.
Solche Bilder tauchen blitzartig auf, sofort vom Verstand mit hochgezogener Augenbraue vertrieben, von der Erfahrung traurig belächelt – aber sie wirken doch, sich wandelnd, als stiller Motor in dem, der sich in ein solches Vorhaben „kleiner Gartenbaubetrieb für biologisch-dynamischen Küchenkräuteranbau“ hineinlebt.
Es ist Winter; das Äckerchen hinter dem Gewächshaus, das Christian Hiß mir zur Pacht überlassen will, liegt stumm da; die vom Pflug aufgeworfenen Schollen sind schon vom Frost zerkrümelt, die Furchen fast eingeebnet. Der ungepflügte Teil links, in dem die Schnittlauchkultur ihren Winterschlaf hält, ist von Vogelmiere überzogen, die sich auch bei hartgefrorenem Boden nicht am Wachsen hindern lässt, und ruft schon nach der jätenden Hand. Gut, das noch Winter ist. Die Stapel von Formblättern, Verordnungen und Verträgen, die nun über mich hereinbrechen, wollen alle über den Schreibtisch in die Ordner oder zurück zur Post wandern. Meine Liste von benötigten Dingen, Geräten, Samen, Pflanzen und deren Preisen wird immer länger. Gut, das es ein Sparbuch gibt. Gartenbauberufsgenossenschaft, Demeter-Verband, EG- Kontrollverein- sie alle wollen erst einmal Geld dafür, das man ihre Verordnungen durchlesen muss. Nur das Finanzamt will (noch) nichts, sondern schenkt mir eine echte Steuernummer, die ich ab jetzt auf meine Rechnungen schreiben darf. Auch vom EG- Kontrollverein bekomme ich jetzt eine Nummer, ganz lang, und noch von der „Vereinigung der Arbeitsgemeinschaften für biologisch- dynamische Wirtschaftsweise Baden-Württemberg e.V.“ eine „Hofnummer“ (auch wenn ich keinen Hof habe).
Es wird spannend: der EG-Kontrolleur meldet sich an (noch ist Winter). Als er kommt, brüten wir über Stapeln von Erfassungsbögen und Schlagplänen. Wir blättern meinen Ordner „Buchungsbelege“ durch, auf alle meine Saatgutrechnungen bekomme ich ein Stempelchen gedrückt. Dann wandern wir kurz am, immer noch winterlich stummen, Acker entlang und schauen im Folientunnel meine zögernd wachsende Rucolakultur an. Rührfass und Besen, Präparatekiste werden begutachtet, danach brüten wir wieder, diesmal über den rosa Demeter- Erfassungsbögen. Im Schwunge meiner Anfangsphase, mit dem Paradiesgarten im inneren Versteck, denke ich bei solchen Zeremonien: „Muss man alles mal erlebt haben!“ Wie werde ich nächstes Jahr darüber denken?
Jetzt ist Mai, weicher Dill wiegt sich im Wind; der Knoblauch prangt, endlich vom Schutznetz und Bergen von Unkräutern befreit, während die violetten Schnittlauchblüten langsam im urkräftig wuchernden Gewimmel von Gänsedistel, Knöterich und Konsorten versinken. Geduldig wachsen Petersilienpolster nach, Borretschblätter drängen herauf, und viel zu viel saftig grüner Koriander sucht seine Käufer. Den Arbeitsstunden am Schreibtisch und auf dem Acker ist etwas entgegengewachsen. Bei meinem Konto stellt sich, neben dem anhaltenden Ausstrom, langsam ein zarter Zustrom ein, der beruhigen kann. Ich stehe, als Zeitgenossin, in Doppelbelastung: zugleich mit dem versinkenden Schnittlauch rufen die Jungpflanzen des Demeterhofes Hiß nach mir- dürstend; von Pilzen verfolgt der junge Kohl, ermattet im Gewächshaus in sich zusammen sinkend die Tomatenjungpflanzen, derweil die Freiluftfläche noch zugeparkt mit andern Jungpflanzen ist, deren vom Regen durchweichter Bestimmungsort sie noch nicht aufnehmen kann. Ich bin unzufrieden, weil ich ihnen nicht helfen kann.
So ist nun die `Unternehmung Paradiesgarten´ unter der „Patenschaft“ vom Demeterhof Hiß seit Februar 2005 auf den Weg gebracht. Viele Bunde frischer Kräuter sind nun schon auf die Märkte gewandert. Neue, bescheidnere Bilder stellen sich ein. Aber einen Versuch ist es wert, so etwas, auch wenn ich hier, wie überall, immer wieder auch mir selbst begegnen muss.e


Neues von den Höfen

Karl und Margret Hiß:
Ihre spontane Äußerung zur Lage auf dem Hof war: Dankbarkeit für den goldenen Oktober, der die Herbsternte sehr erleichtert hat und mit den vorigen Jahren nicht zu vergleichen war. So ist nun alles gut unter Dach und Fach, und beide Seiten, Bauer und Kunde scheinen bei dem milden Wetter gut aufgetankt zu haben.

Hof Till in Äule am Schluchsee:
Im Sommer haben die beiden Lehrlinge Jana (die nun Landwirtschaft studiert) und Max (der in Dornach am Lehrerseminar beginnt) ihre Lehre gut abgeschlossen. Nun haben zwei neue Auszubildende begonnen und damit die, für alle Teile mühsame Zeit der Einarbeitung in die Arbeitsbereiche. Außerdem arbeitet zur Zeit die russische Studentin Julia als Praktikantin sehr hilfreich auf dem Hof mit.
Zur diesjährigen Kartoffelernte hat Heinrich Till die dritte Klasse der Waldorfschule in der Schwimmbadstrasse auf den Hof eingeladen. Mit Schwung und Energie sammelten die Kinder die, vom Traktor gerodeten, Kartoffeln auf und sortierten sie in Säcke. Danach spielten sie ausgelassen Drittenabschlagen, während die erwachsenen Flohzirkusbändiger erschöpft über so viel Lebensenergie staunten.
Diese Einladung ist Teil einer Zusammenarbeit der Demeter-Assoziation mit den Freiburger Waldorfschulen, die im letzten Herbst mit einem Ernährungstag in der Wiehre begonnen hat und auch in diesem Jahr fortgesetzt wurden.
Die Heuernte, die in dieser hohen Lage und mit den kleinen Parzellen sehr aufwendig ist, brachte dieses Jahr 400 Rundballen von je 250 kg bestes Wiesenheu und 100 Rundballen Öhmd (2. Schnitt). Damit müsste die
Überwinterung der Hinterwälder Kuhherde und der Ziegen aus eigenen Futterbeständen möglich sein.

Demeterhof Christian und Andrea Hiß in Eichstetten am Kaiserstuhl:
Auch hier schlossen im August Elisa und Susanna erfolgreich ihre Gärtnerlehre ab. Magnus ist nun im zweiten Jahr seiner Ausbildung, und Lena und Felix haben neu begonnen. Die japanische Praktikantin Atsuko hat sich, nach einem Jahr fleißiger Mitarbeit, in Witzenhausen für das Studium der Landwirtschaft beworben. Die übrigen Mitarbeiter und die Betriebsleitung erarbeiten sich in Gesprächen einen Zugang zur dialogischen Betriebsführung, durch die der  Mensch Zugang zu den eigenen Fähigkeiten erlangen und autonom und handlungsfähig werden kann.
Im Anschluss an seine Studie zu Rechtsformen landwirtschaftlicher Betriebe hat Christian Hiß beschlossen, den eigenen Betrieb umzustrukturieren. Die Suche nach einer für diesen Betrieb geeigneten Form wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
 Viele Gemüsearten kamen mit diesem regenreichen Jahr gut zurecht, da es auch ausreichend Wärme beschert hat. Die Kürbisse, der Kohl, Steckrüben, Kohlrabi `Superschmelz´, die Pastinaken, Wurzelpetersilie und andere Arten haben eine gute Ernte gebracht oder versprechen eine solche. Die Kartoffeln kamen mit einem Dasein als Unterwasserpflanze gar nicht zurecht und haben mit größeren Ausfällen reagiert. Die damit verwandte Tomate hat uns Sorgen gemacht, weil sie selbst im Gewächshaus von der Phytophtora befallen wurde und mehrmals teilweise entblättert werden musste. Auch in einer Gärtnerei, die auf Vielfalt setzt, führt so ein befallener Tomatenbestand zu existenziellen Sorgen. Trotzdem haben sie eine reiche Ernte gebracht. So sind dieses Jahr die Pilzkrankheiten unser Schreck gewesen, die auch dem Sellerie und einigen Möhrenbeständen zugesetzt haben. Für mich war es spannend zu erleben, das unsere Pflanzen auch die Kraft haben, diese Krankheiten zu überwinden.

Obsthof Jäger in Ehrenstetten:
Willi Jäger hat auch in diesem Jahr wieder Hagelschäden in seinen Obstanlagen hinnehmen müssen. Außerdem hat sich die waldnahe Lage des Hofes zunehmend als erschwerend für die Hühnerhaltung erwiesen. So soll hier Willi Jäger selbst zu Wort kommen. Für die nächste Zeit ist mit Christian Hiß vereinbart, dass durch seinen Betrieb Eier in Bioland – Qualität für die Märkte der Demeter- Assoziation zugekauft werden (Demeter-Eier sind nicht verfügbar), und dass er Produkte aus der Ernte von Willi Jäger mit in seinen Verkauf übernimmt.

Liebe Kunden,                                                                               September 2005

Gerne möchte ich Sie in Kenntnis setzten was auf dem Hof passiert, da sowohl Mitarbeiter wie auch ich selbst seit den Schulferien nicht mehr auf den Märkten präsent sind. Die Gründe dafür sind vielschichtig, auf einige möchte ich im folgenden eingehen.

Aufgabe der Hühnerhaltung

Die Hühnerhaltung habe ich nach zwei sehr unrentablen Jahren mit Marder und Fuchsangriffen aufgegeben. Von den zuletzt 180 eingestallten Junghennen waren nach gut einem Jahr noch 100 Hennen zur Schlachtung vorhanden. 80 Tiere sind also überwiegend durch Raubtierangriffe umgekommen, über 40 davon an einem einzigen Abend. Neben dem wirtschaftlichen Schaden ist dies auch seelisch belastend. Schutzmaßnahmen sind so nah am Wald äußerst aufwendig – es sind bereits zwei Zäune vorhanden – und bezüglich der Dauerhaftigkeit zweifelhaft. In der Bewirtschaftung sehe ich zudem trotz Ansätzen keine Änderungsmöglichkeiten, auch weiterhin wären Junghennen und Hauptfutterzukauf von anderen Biobetrieben sowie Schlachtung in anerkannten aber entfernten Geflügelschlachtereien maßgebend.

 

Obsternte

Bild4Starke Trockenheit, Spätfröste und insbesondere Hagelschauern haben mir nun das fünfte Jahr in Folge starke Ernteeinbußen bis zum völligen Verlust der Ernte eingetragen. 2005 wurde die erwartungsgemäß kleine Apfelernte durch zwei Hagelschauern erneut geschädigt. Mostobst konnte geerntet werden. Steinobst und Birnen hatten schon im Frühjahr keine Früchte angesetzt. Schutzmaßnahmen wie Bewässerungssysteme, Frostschutzberegnung und Hagelschutznetze sind möglich, doch bedeuten sie einerseits hohe Investitionen und andererseits einen intensiven Bewirtschaftungsgrad als ein zusammenhängendes System. Die von mir praktizierte extensivere Bewirtschaftung ist damit nicht in Einklang zu bringen, meines Erachtens aber den naturräumlichen Bedingungen  am Hof besser angepasst.

Wirtschaftliche Situation

Die Ertragsausfälle der letzten Jahre sowie die Familientrennung Ende 2002 führten zu einer wirtschaftlich angespannten Lage. Im letzten Jahr konnte ich nach dem massiven Hagelschauer nur durch finanzielle Hilfe von außen, besonders auch aus der Demeter Assoziation weiter am Hof arbeiten.
Daraus resultiert die Notwendigkeit neben der Hofbewirtschaftung eine finanzielle Basis durch Lohnarbeiten, wie der Baum- und Gartenpflege sowie im Naturschutz, weiter auszubauen.

Persönliche Situation

Das bisher Erwähnte kann nur einen Ausschnitt aus dem Hofleben darstellen. Lange habe ich versucht durch die Mithilfe guter Menschen die Hofbewirtschaftung in ähnlicher Weise wie früher als Familienbetrieb aufrecht zu erhalten. Jetzt will sich etwas Wandeln und ich denke es ist an der Zeit diese Veränderungen anzunehmen um dafür Raum zu schaffen. Eine Perspektive, die Ungewisses zulässt und mit ´Puzzlesteinen´, Ideen arbeitet ohne das entstehende Bild zu kennen, weshalb ich ihnen derzeit auch keinen reellen Ausblick geben kann.  Allerdings ist klar, dass ich nicht als Händler mit überwiegend zugekauften Waren auftreten will.
Den Vielen, die mir Ihre Verbundenheit ausgedrückt haben möchte ich an dieser Stelle sehr danken und hoffe auf Ihr Verständnis für mein Vorgehen.
Mit herzlichen Grüssen – Ihr Willi Jäger e
Lesetipps zu den Themen Ernährung und Landwirtschaft

 

¹ Michael Werner, Thomas Stöckli: „Leben durch Lichtnahrung“. AT-Verlag, April 2005, 15,90 €                 Was zunächst etwas abgehoben klingt, entpuppt sich als der nüchtern-sachliche Erfahrungsbericht des Geschäftsführers einer anthroposophischen Heilmittelfirma, der seit einer bewusst gesetzten einundzwanzigtägigen Umstellungszeit im Januar 2001 weder isst noch trinkt und dabei ein gesundes Körpergewicht sowie die volle Arbeitsfähigkeit behält. Er unterzog sich an der Uniklinik Bern einem akademischen Forschungsprojekt. Davon und von seinem gesamten ungewöhnlichen Selbstversuch berichtet Michael Werner zusammen mit dem Autor Thomas Stöckli. Dieses Buch könnte eine bedenkenswerte Gesprächsgrundlage bieten!
¹ Unter www.demeterhof.de können Sie unter „Presse“ die Zusammenfassung der letzten Tagung „Kultur im Gewächshaus“ am Hof von Christian und Andrea Hiß lesen, in der es um neue Formen der Trägerschaft von landwirtschaftlichen Betrieben geht.
¹ Dreschflegel-Katalog „Saaten und Taten 2006“ über: Dreschflegel, Postfach 1213, 37213 Witzenhausen; Tel: 05542-50 27 44, dreschflegel@biologische-saaten.de . Ein Zusammenschluss von Gärtnern verschiedener Bio- Anbauverbände bestreitet dieses reichhaltige und vielfältige Angebot an biologischen samenfesten Sorten von Gemüse, Kräutern, Blumen und anderen alten Kulturpflanzen. Auch Literatur zum Thema Saatgut, Züchtung für interessierte Laien wird angeboten. Alle Samen sind in Hausgärtnerportionen abgepackt, mit Aussaatinfos auf dem Tütchen. Lesens- und stöbernswert auch für Balkongärtner.e


Methoden der Pflanzenzüchtung


Durch die Einführung der genetischen Manipulation des Erbgutes an Pflanze, Tier und Mensch ist die uralte Kulturtätigkeit „Züchtung“ zu einem Brennpunkt geworden, an dem es für jeden Menschen gilt, ein eigenständiges Verhältnis zur Mitwelt zu entwickeln.

Bild5Nachdem in der letzten Ausgabe des Stadt- und Land-Blattes  eine Methode der Pflanzen- Züchtung, die sensorische Prüfung durch Verfeinerung des Geschmackssinnes (am Beispiel der Möhre) beschrieben wurde, werfen wir dieses Mal einen kurzen Rundumblick auf die gängigsten züchterischen Möglichkeiten. Entnommen sind die Texte (gekürzt) dem Begleitheft zur Ausstellung: „Die Qualität unserer Nahrung“, die auf  Initiative des Züchters Dieter Bauer vom Verein Kultursaat e.V. im Januar 2005 herausgegeben wurde:

Beispiele züchterischen Eingreifens:

¹ Der Einfluss des Standortes
¹ Die Auswirkungen der Selektion
¹ Die Methode der Hybridkreuzung

¨  Der Einfluss des Standortes führt zur Ausbildung regionaler Sorten
Unter den Einflüssen, denen das Wachstum der Pflanzen ausgesetzt ist, spielt der Ort, an dem eine Pflanze wächst, eine herausragende Rolle. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Beschaffenheit des Bodens, das langjährige Klima einer Region, das kurzfristige lokale Wettergeschehen und die Nährstoffversorgung. Darüber hinaus wirken eine Reihe weiterer komplexer Umgebungszusammenhänge auf den Pflanzenwuchs ein. Die genannten Faktoren bestimmen nachhaltig, das heißt vererbbar, die äußere Gestalt und die Wachstumsdynamik einer Pflanzenart bzw. Sorte. Verändern sich diese Gegebenheiten, so ändert sich die Pflanze mit ihnen. Überraschend schnell und nachhaltig prägen sich Änderungen in das Erbgut ein und veranlassen so die Art oder Sorte, sich innerhalb weniger Pflanzengenerationen ihrem Umfeld neu anzupassen. Diese Tatsache hat dazu geführt, dass im Lauf der Jahrhunderte viele regionale Kulturpflanzensorten entstanden sind, die den jeweiligen Standortbedingungen optimal angepasst waren.
Dieser Reichtum ist in unserer Zeit massiv bedroht. Moderne Anbau-, Züchtungs- und Marketingmethoden haben zu einem drastischen Rückgang der ursprünglichen Sortenvielfalt der Kulturpflanzen geführt.

¨  Züchtungsfortschritt durch Auslese

Die regelmäßige Auslese der besten Exemplare einer Sorte an einem Standort bietet die Möglichkeit, diese Sorte in ihren Eigenschaften nachhaltig zu verbessern. Dieser Vorgang, der seit Jahrtausenden von den Anbauern und Züchtern durchgeführt wurde, geht auch heute kontinuierlich weiter. Auf diese Weise entstehen laufend neue Züchtungslinien und Sorten.

¨  Die Hybridmethode
Die Hybridzüchtung hat in den letzten Jahrzehnten eine überragende Bedeutung bekommen. Sie wird bei Getreide, Zuckerrüben, Zierpflanzen und den meisten Gemüsearten mit steigender Tendenz angewendet. Mit der Entwicklung gentechnischer Methoden hat die Hybridzüchtung einen weiteren Aufschwung genommen. Auch die Tierzüchtung kennt den Begriff der Hybride.
Hybridsorten in der Pflanzenzüchtung entstehen durch eine kontrollierte Kreuzung zweier genetisch einheitlicher Elternlinien. Der dadurch auftretende so genannte Heterosiseffekt führt zu gesteigerter Leistungsfähigkeit bei hoher äußerer Uniformität. Die nötige Reinerbigkeit der Elternlinien wird durch eine, mehrere Generationen hindurch verfolgte, Inzucht oder neuerdings durch biotechnische Methoden erreicht.
Eine Aussaat der Samen einer F1- Hybride führt  in der folgenden Generation zur Aufspaltung der Merkmale; somit können die Eigenschaften einer Hybridsorte nicht von einer Generation zur nächsten vererbt werden. Vielmehr muss die Sorte jedes Mal neu aus der Kreuzung der Elternlinien gewonnen werden.
Neben den scheinbar großen Vorteilen birgt die Hybridzucht eine Reihe von Gefahren. Einerseits werden  die reinerbigen Zuchtlinien für die Elterngeneration durch die Inzucht oft degeneriert. Andererseits werden alte Sorten – und damit ein erhebliches genetisches Reservoire – vom Markt verdrängt, so das die genetische Vielfalt insgesamt sinkt. Zudem bedeutet die Verwendung von Hybridsaatgut eine gesteigerte Abhängigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe von der Saatzuchtindustrie.e

Die Reihe zur Pflanzenzüchtung soll im nächsten Heft weitergeführt werden.


Zurück zu [Mitteilungen]